Die allmähliche Aldisierung unserer Little World

Heute mal etwas ganz anderes.
Ich komme gerade aus der Stadt, also irgendeiner Schweizer Stadt, die letztendlich überall in der Schweiz und anderswo sein könnte.
Was ist geschehen? Nichts wirklich Besonderes, nur hat mitten in der Stadt ein neuer ALDI – Laden eröffnet, mitten in einem Bereich, wo es eh schon voll ist mit Läden, die sich immer mehr angleichen, weil alle „originalen“ Läden die durch das „System Wolf“ exponentiell steigenden Mieten gar nicht mehr bezahlen können, es sei denn, Mieter und Besitzer des Hauses, in dem sich der Laden befindet, sind identisch.
Wenn dies der Fall ist und die Besitzer sind keine Multimillionäre, so kann man auch hier das Procedere beobachten, daß bei steigenden Mieten ( die steigen bekanntlich niemals von alleine . . . ) auch die Ladenbetreiberbesitzer auf ihren eigenen Umsatz und die Kosten schauen, um irgendwann festzustellen, daß es allemal „sinnvoller“ ist, den alteingesessenen Laden ganz zu schließen, die frei gewordene Ladenfläche an den Höchstbietenden zu vermieten und statt den eigenen Familienbetrieb oder Laden weiterzuführen, lieber 2 mal jährlich für 4 – 6 Monate irgendwohin zu verreisen, „wo es schön ist“. . . .

Nun, hier hieß es dann (für mich) plötzlich, mitten in der Innenstadt, in einem Einkaufszentrum mit sehr vielen Läden, wobei ein Laden in etwa gleich aussieht wie der andere, in diesem Einkaufszentrum, dem ersten dieser Stadt, errichtet in der Zeit, wo in jeder Stadt so ein „Einkaufszentrum“ errichtet wurde, weil die Kunden es angeblich so verlangen. Schließlich geht man ja bekanntlich auf jedes „Verlangen“ der Kunden, Bürger, Menschen ein – solange es Umsatz verspricht, dieses angebliche Verlangen, das selbstverständlich immer von den Konzernen oder Ladenketten zuerst in die Zeitungen und dann in die Köpfe der Bürger transportiert wird, wo es dann – System Wolf läßt grüßen – als eigenes „identifiziert“ wird.
DieserArt Verlangen nach noch mehr Verkaufsflächen und -möglichkeiten für Waren hat rein zufällig in diesem System denselben Ursprung wie 99% aller sogen. „Meinungen“ der Bürger dieser Welt.
Auch diese werden zuerst medial verbreitet – vom System natürlich, von den „Wölfen“ natürlich – im TV, im Radio, in den Printmedien, die inzwischen ja auch meist gratis sind, weil es „Sinn macht“, das Bilden von Meinungen gratis, kostenlos zu machen, sind diese dann verbreiteten „Meinungen“ ja eh weitgehend sinnlos und geben den Konsumenten ja nur vor, wohin sie „laufen“ müssen, um nicht an die Systemwände anzuecken . . . .
Praktisch ist eben auch, daß die so überall „von oben“ verkauften und verschenkten „Meinungen“ sehr schnell und sehr unbewußt als die eigenen empfunden werden.
In der üblichen Medizin ist es so, daß bei einer Organtransplantation – und hier geht es ja um eine Bewußtseinstranplantation, also so etwas Ähnliches – zumindest ein halbwegs noch ein wenig gesunder Körper diese Fremdorgane abzustoßen versucht nach dem Motto: das ist nicht von mir, das gehört nicht zu mir, das mag und will ich nicht.
Leider haben unsere Schöpfer dann die fatale Entwicklung des 20. und 21. Jahrhunderts nicht berücksichtigt oder nicht vorhersehen können, denn bei der mittlerweile im Sekundentakt überall vonstatten gehenden Transplantiation von Meinungen und Gefühlen ( mittels „subversiver“ Musik, Düften zur Kaufluststeigerung usw.) gibt es keine solche Schranke, vergleichbar der bekannten Blut- Hirnschranke, die verhindern soll, daß Gifte und dem Menschen schadenden Chemikalien und sonstige Stoffe in den Körper und das Gehirn eindringen können.
Nicht eben so bei den „Meinungen“, Vorlieben und und und. Hier geht, wenn man sich nicht aktiv bewußtseinsmäßig dagegen zu wehren weiß – und das schafft kaum jemand – alles direkt 1:1 ins Hirn, in die Gefühlswelt, ins Unterbewußtsein, das ist leider so.

Ja, der neue ALDI-Laden. Ich war echt gespannt, wo denn in diesem eh vollen Einkaufszentrum der Innenstadt so etwas wie ein ALDI, den es weitab dieser Innenstadt einer Stadt, die wie alle Städte zu werden sich anschickt, wie dort so etwas Großes noch Platz haben könnte.
Nachdem ich an drei Kamelen und ihren fremdartig verkleideten Begleitern und an einem ganz in Weiß dastehenden riesigen Pärchen, ein Zwischending aus Engel, Feen und weiß der Himmel was vorbeigegangen und beides noch schnell fotographisch für die Nachwelt festgehalten hatte, mich durch das neu gestaltete, neu besetzte ( nein, von neuen Ladenketten besetzt 😉 ) Einkaufszentrum geh-wundert hatte, fand ich tatsächlich eine Etage tiefer, also ebenerdig, zu meinem Erstaunen auch jenes neue ALDI Geschäft.
Ein alteingesessenes Bekleidungsgeschäft neben einem vor einiger Zeit ebenfalls neu gestalteten MIGROS-Geschäft, das die Bezeichnung Supermarkt verdient wie alle neuen Supermärkte, hatte also weichen müssen, der Standort ist so etwas wie ein „Filetstück“ und das Bekleidungsgeschäft war eh unscheinbar, so unscheinbar wie alle Schweizer Bekleidungsketten – langweilig und trist ist noch das Beste, was man als Deutscher dazu sagen kann, denn die Schweizer Mode ist eh etwas, was ich zum Bruchteil des Neupreises nicht einmal im Second-Hand Laden kaufen würde, nicht einmal geschenkt könnte ich mich damit anfreunden, aber das nur am Rande.
Kommen wir jetzt näher zu dem, was ich die ALDIsierung der Welt nenne.

Es gibt zur Zeit ein ganz ähnliches Geschäftesterben hier wie ich es vor fast 20 Jahren, als ich genau auch deshalb meine Heimatstadt, die ich niemals als ein Stückchen solch einer „Heimat“ gesehen oder empfunden habe, werder damals noch in der eh nicht romantischen Rückschau, ganz im Gegenteil, verlassen habe, nicht nur weil dort ein Fachgeschäft nach dem anderen den Generalausverkauf machte, um dann für immer zu schließen und dem millionsten Handyladen, 1 € Laden, Fingernägel“studio“, Tattoo-Laden oder Eletronikschrott-Laden Platz zu machen oder um einfach schlicht leer zus tehen, mit verhängten, später eingeworfenen Schaufensterscheiben.
Ganz so weit ist es hier noch nicht, aber auch nur deshalb nicht, weil die Infrastruktur der Ordnungskräfte noch nicht wie in Deutschland gänzlich zusammengebrochen ist und man halbwegs „gute Miene“ zum bösen Spiel macht und nicht begreift, was da gerade überall geschieht.
Deshalb haben die wenigen restlichen Geschäfte – es sind glücklicherweise doch noch viele – alles getan, um sich „rauszuputzen“, die vielen neuen haben offenbar alles versucht und getan, um sich den Anstrich von etwas Neuem zu geben, etwas anzubieten und zu verkaufen, was der Mensch angeblich noch brauchen könnte.
So viel also zu dieser Generalrenovierung, die aber auch dazu beigetragen hat, daß diese Stadt zwar nicht voll von 1 Franken-Läden ( wenn, dann wären es vergleichsweise zu Deutschland 10 Franken Läden – vom Kaufvermögen her gesehen, da der absolute Mindestlohn monatlich immer noch weit über 4000 Franken, was vergleichsweise identisch ist mit Euro, beträgt und die Taschen somit zumindest nominal 4 mal so voll sind wie die der Deutschen.
Angeblich soll sich das vollkommen ausgleichen, was aber nur daran liegt, daß der Durchschnittsschweizer andauernd auswärts essen und trinken geht, da es zuhause noch 100 mal ungemütlicher, also steriler und phantasieloser ist als auswärts . . . was nicht nur für das Essen gilt . . .
Nun, diese sterbenden oder bereits gestorbenen Läden, in denen früher Kleidung, Schuhe etc. verkauft worden ist – meist über viele, viele Generationen, werden völlig ausgeschält, umgebaut – meist häßlich und kalt – und dann eröffnet in den allermeisten Fällen irgendsoein Geschäft, das Kaffee, Drinks, Brötchen, Minikuchen etc. anbietet und oft auch verkauft, die Schweizer essen und schlucken alles.
Das Problem in den Augen eines denkenden Menschen besteht nur darin, daß letztlich der Trend dahin geht, daß die gesamte Stadt nur noch aus „Fress-Läden“ und „Kaffee-Läden“ besteht – ohne Scherz, das ist so.
Es ähnelt in dieser Hinsicht den deutschen Städten, wo statt einheimischer Geschäfte ein Döner-Kebab-Laden neben dem anderen steht und man glaubt, in irgendeinem verrückten Döner-Wonderland statt in einer deutschen Stadt zu sein.
Also, die gesamte Stadt ist „frisch“ gestylt und renoviert und in 90% aller Geschäfte gibt es etwas zu Essen, zu trinken, zu naschen oder zu genießen, zumindest versprechen das die Aushängeschilder und Leuchtreklamen.
Nebenbei scheint dieses Konzept einer fressenden, trinkenden, sich 24/7/365 amüsierenden Stadt aufzugehen und den Nerv dieser Zeit zu treffen, zumindest für die jüngere Generation.
Die Vertreter dieser jüngeren Generationen – der Begriff kann ja weit gefaßt werden, da sich doch jeder als „jünger“ bezeichnet – die Vertreter dieser vielen Generationen leben in der Tat so unvorstellbar – für mich unvorstellbar, für Kulturmenschen und Deutsche – gedankenlos, gefühllos, verantwortungslos, einfallslos und letztlich selbstverständlich auch leblos dahin als sei ihr ganzes im Grunde für den Beobachter sinnloses „Leben“ wenn man es denn noch so nennen mag, als sei also dieses gesamte, sich im Cafes und Bars abspielende Cyber-Dasein lediglich eine einzige riesige, sich täglich oder monatlich automatisch updatende APP – nicht mehr und nicht weniger und eine APP ist ja immerhin etwas.
Nachdem wir den Bogen so weit wie nötig gespannt haben, kommen wir wieder auf die ALDIsierung dieser LIDLwelt zurück, einer Welt, die inzwischen auch schon fast eher einer tollen APP als dem echten Leben gleicht.
Als ich die Rolltreppe hinunter ins EG fuhr, staunte ich nicht schlecht, als ich die Größe dieses neuen ALDI-Ladens so nach und nach langsam überblickte.
Aber es war nicht die Größe, die mich so erstaunte und verwunderte, es war etwas anderes, Atmosphärisches, was mir später erst voll bewußt wurde.
Ich hatte mich ja gefragt, wieso ALDI ausgerechnet in der Innenstadt, ausgerechnet neben zwei riesigen Supermärkten, die auch in diesem EKZ ( so heißen die Einkaufszentren verräterisch und ein Schelm, wer sich Arges dabei denkt . . . )

Nach kurzer Zeit wurde mir vollkommen klar, was mich so verdutzt und verwundert hatte.
Ich hatte einen „gewöhnlichen“ ALDI-Laden erwartet, nicht die ursprünglichen von früher, sondern schon etwas komfortabler. Aber was hier entstanden war, war so etwas wie die Quadratur aller Läden und deren Steigerung. . .
Es war keine gewöhnliche Obst- und Gemüseabteilung, sondern selbige war orientiert an einem Gourmet-Gemüse- und Obstgeschäft, übertrumpfte mit einem gezielten Schlag also alles, was die anderen Supermärkte anzubieten hatten – nur eben zu einem günstigeren Preis.
Dasselbe in der Brotabteilung. Alles und vieles, vieles mehr war hier aufgebaut und angeboten, was man sonst in den immer noch vorhandenen Bäckereien und Konditoreien findet – nur eben viel günstiger im Preis.
Das ging dann so weiter und weiter und weiter, kurz, die gesamte, gerade frisch gestylte und bestückte und renovierte Stadt findet sich nun auf nicht einmal engen, sondern großzügigem Raum – nur eben alles zusammen und viel günstiger im Preis!!
Hier findet man tatsächlich alles bis in die Feinschmeckerkategorien zusammengefaßt, nicht nur was man essen, trinken und genießen kann und möchte, nur eben „to go“ und nicht „to sit“.
Es ist wie ein riesiges „Thermo-Mix“ Gerät, das im Grunde alles kann, man muß nur die Zutaten hineingeben. Hier muß man nur das Geld oder die Kreditkarte eingeben und alles erschließt sich dem Konsumenten.
Nein, so „lustig“ finde ich das nicht, ich bewundere nur den Schachzug, mit einem Mal alles aufwendig Erdachte und Ausgeklügelte zu übertrumpfen und allem „eins draufzusetzen“: die ganze Welt im ALDI. . .
Die erste Frage, die ich mir angesichts der kaum zu beschreibenden Mengen, ja Massen an Waren, vor allem Fleischwaren – in Supermärkten hat man unweigerlich den Eindruck, die Schweizer ernähren sich vorwiegend von Fleisch, weit abgeschlagen von Käse, Schokolade und Obst- und Gemüseprodukten – stellte war: WER SOLL DAS ALLES KAUFEN UND ERST NOCH ESSEN ??
Es ist ja nicht so, daß bei plötzlich doppeltem Angebot die Mägen sich verdoppeln, erst recht verdoppeln sich nicht die Gehälter und schon gar nicht die Einwohner, im Gegenteil, diese jüngeren Generationen treiben sich viel viel lieber in jenen Clubs, Bars usw. herum und denken nicht einmal im Traum noch an so etwas vorsintflutliches wie Familie, gar noch Nachwuchs etc..
Wenn an einer recht überschaubaren Straße, wo es seit 100 Jahren nur immer ein Restaurant gab, was vollkommen reichte, wenn dort plötzlich nebeneinander nicht 2, sondern 4 oder 5 solcher ganz ähnlicher Restaurants, Imbiss-Läden oder Cafés eröffnen, dann vervier- und verfünffacht sich nicht automatisch die Menge der Besucher, es verteilt sich nur und die Menschen, die vorher leblos vor dem Fernseher hingen, sitzen nun leb- und bedeutungslos vor ihrem Kaffee oder Hamburger, was auch immer. Familie gibt es ja eh nicht mehr, um den Partner, die Eltern, die Großeltern oder den Rest der Verwandtschaft oder gar noch um die eigenen, eh nicht vorhandenen Kinder braucht sich niemand zu kümmern, allenfalls später im Alter mal um den Hund oder die Katze.
Zurück zum ALDI: was passiert also, wenn man die Menge aller Lebensmittel mit einem Schlag verdoppelt oder verdreifacht und das nicht in einer Gegend dieser Welt, wo die Menschen Hunger leiden oder bis zum Erscheinen von ALDI & LIDL gelitten haben, sondern immer schon Essen im totalen Überfluß hatten wie in der Schweiz. . .
Eine interessante Frage, die uns nur unsere Phantasie beantworten kann, sofern wir noch über selbige verfügen bzw. selbige noch besitzen.

Ich stelle mir also vor, daß diese ALDIsierung darin besteht, daß ALDI & Co alle Geschäfte ringsum quasi aufsaugen wird, denn auch bei einem Volk, das wie kein anderes auf dieser Welt Geld ohne Ende – nicht verdient, sondern – ausgezahlt bekommt, auch wenn der Job im Nichtstun besteht wie bei den Bankstern, zählt nur der Preis und da sind diese Discounter immer in der besseren Position, sie können alles andere an Konkurrenz allein schon mit dem Preis und nun auch mit dem Angebot und seiner Präsentation weit, weit schlagen.
Es ist oder war ein seltsam komisches Gefühl, als ich mit einer Handvoll Waren ich den ALDIladen wieder verlies – auf das Gratis- Gipfeli und das Gratisdrehen des Gewinnrades habe ich gern verzichtet.
Alles kam mir plötzlich etwas fremd und deplatziert vor, alles Gewohnte ungewohnt. Selbst die stadtbekannten „Outlaws“ wirkten plötzlich komisch, fehl am Platz, so als würde man ihnen nicht real, sondern im Traum, also etwas distanziert, umnebelt begegnen, so als gehörten sie gar nicht dorthin.
Die Atmosphäre und Ausstrahlung des Gesehenen und Erlebten, also diese ALDIsierung, Griff“ noch so lange bis ich die belebte Innenstadt verlassen hatte und in Gegenden, Parks und Wohngebiete kam, wo rings umher kein Geschäft mehr war, wo ich mich wieder zuhause, wieder heimisch fühlen konnte, so als sei ich aus einer Traumwelt in die gewohnte Realität zurückgekommen.
Ich könnte noch sehr viel zu dieser ALDIsierung unserer Little/ LIDL-Welt schreiben, aber das reicht erst einmal – für’s erste zumindest. 😉
Und ich frage mich eben, wie geht es nun weiter? Wie geht es weiter, wenn diese Welt nur noch aus diesen Discountern bestehen wird, die alle Individualität aufsaugen wie ein Schwarzes Loch und uns mit dazu . . .

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